Schon um halb neun Uhr morgens betrat ich den abgetrennten Teil des Hotels, der fuer unseren Workshop reserviert worden war. Da es sich nicht um eine grosse Konferenz mit vielen Hundert Teilnehmern handelte, sondern nur schaetzungsweise fuenfzig Fachleute sich angemeldet hatten, von denen wiederum nur etwa zwei Drittel einen Beitrag liefern wuerden, weil also der Rahmen eher bescheiden ausfiel, hatten sich die Veranstalter entschieden, keine parallelen Vortraege, auch Sessions genannt, zuzulassen, sondern alle Vortraege und ebenfalls die sogenannten Poster-Sessions hintereinander stattfinden zu lassen. Die meisten Kollegen und auch ich waren mit dieser Regelung sehr zufrieden. Auf vielen anderen Kongressen fanden mehrere Veranstaltungen gleichzeitig statt, so dass man sich entweder fuer einen Konferenzraum entschied, dort stoisch ausharrte und sich dann aergerte, wenn man zwei Stunden nur langweiliges Zeug zu hoeren bekam (und hinterher erzaehlt dann ein Kollege, dass im Nebenraum die absolute Sensation abgelaufen sei), oder man versuchte sich in der neuen Disziplin des Konferenz-Korridor-Hindernis-Laufs und hetzte zwischen den einzelnen Vortraegen von Session zu Session. Solche Unannehmlichkeiten blieben uns also bei diesen Kongress (der wahrscheinlich deshalb auch zum Workshop avanciert war) erspart. Das grosszuegige Foyer vor dem Plenarsaal, natuerlich im alpenlaendlichen Stil eingerichtet, war noch fast leer. Die Eroeffnungssitzung sollte erst um 9:30 beginnen. Einige froehlich kichernde Hostessen richteten Plaetzchen und Kaffee auf einem langen, weiss gedeckten Tisch rechts vom Haupteingang an. Ich liess mir einen Pappbecher mit koffeinfreien Kaffee einschenken und schlenderte durch die weit offen stehende Fluegeltuere in den Plenarsaal. Ein huebscher Raum, die Waende ganz mit hellem Holz, vermutlich Kiefer, verkleidet. Keine Galerie. Die Stuhlreihen waren in zwei dreieckfoermigen Segmenten angeordnet, deren spitze Winkel auf das Rednerpult wiesen. Dunkelblauer Teppich. An der Decke Akustikelemente, die den Raumhall mindern sollten. Keine Fenster, aber angenehme Beleuchtung durch Reihen schraeger Oberlichter. An den Stuehlen waren kleine, hochklappbare Schreibflaechen befestigt. Ich schluerfte den Rest lauwarmen Kaffees und wandte mich wieder zum Eingang. Prof. Peekock hatte mich bestimmt auch nicht vorher gesehen, sonst waere er vielleicht in einem geschickten Ausweichmanoever abgedreht, bevor eine Begruessung unvermeidlich wurde. Jetzt war es zu spaet. Unsere Blicke hatten sich schon den gewissen Bruchteil einer Sekunde zu lange gekreuzt, der es uns als zivilisierten Menschen unmoeglich machte, so zu tun, als ob man den anderen nicht erkannt oder bemerkt haette. Mist! Ausgerechnet Peekock, mein spezieller Lieblingsfeind! Und das am fruehen Morgen nach einem reichlichen Fruehstueck! Prof. Peekocks Maul verzog sich zu einer zaehnefletschenden Grimasse, und er kam mit der beruechtigten Peekockschen Armhaltung auf mich zu
gestuermt: Den rechten Arm im Ellbogen rechtwinklig abgeknickt und vor den Koerper gereckt, hielt er die weit geoeffnete Daumen-Finger-Klaue scharf nach unten geklappt, wie man ein Spielzeug-Krokodil haelt, das den Kasperl gleich schnappen wird. Ich machte auch ein paar halbherzige Schritte auf ihn zu und versuchte krampfhaft, auch so ein gelungenes Zaehnefletschen hinzukriegen. "Mein lieber .. aeh ... Mister Moltke ... aeh ..." Die Klaue senkte sich blitzartig auf ihr Ziel, meine rechte Hand, die ich ihm halbherzig zur Opferung hinhielt. Sein divergierender Blick fokussierte sich irgendwo links und rechts meines Kopfes "George Moltke! Na! Aeh ... So ein ... aeh ...na! Sie sind also auch hier!" Es klang so, als ob dieser Workshop damit fuer ihn unwiderruflich diskreditiert sei. Die Klaue beutelte ihr Opfer, versuchte ihn die Handwurzelknochen zu brechen, wie ein Jagdhund einem erwischten Hasen das Genick bricht. Ich brachte meine Hand in Sicherheit und antwortete mit einem hoeflichen Gemeinplatz. "Ja ... ja ... wie Sie schon sagen ... aeh ... und wie geht es in ... aeh ... San Francisco ... aeh ... Berkeley ... hm ... ja, Prof. Peters ... wie geht es ihm?" Mein Magen verkrampfte sich leicht. Ich versuchte, nicht darauf zu achten, aber das ist leichter gesagt als getan. Wir quaelten uns muehsam durch die Konversation. Peekock und ich waren schon haeufig, hauptsaechlich per email, aber auch schon oeffentlich, aneinander geraten. Aber ich war da nicht der Einzige. Die allgemeine, hinter vorgehaltener Hand vertretene Meinung ueber Peekock war, er sei, beziehungsweise war, zwar ein sehr guter Wissenschaftler, aber es sei schlechterdings unmoeglich, sich vernuenftig mit ihm auseinander zu setzen. Mangel an sozialer Kompetenz, war Janets Diagnose ueber Peekock, wenn sie sich amuesiert meine Berichte ueber die verbalen Wortgefechte im Internet anhoerte. Wenn Peekock anderer Meinung war, dann konnte man sich den Mund fusslig reden, es nuetzte ueberhaupt nichts. Nur Prof. Peekock hatte den Alleinanspruch auf die wissenschaftliche Wahrheit! Basta! Und ausserdem wurde er dann meistens auch noch beleidigend und ausfallend. Einige der mails, die er mir im Laufe der letzten Jahre geschickt hatte, waren schon fast druckreif, aber bestimmt nicht mehr jugendfrei. Ich kannte eigentlich niemandem in meinem Kollegenkreis, der sich nicht schon mal ernsthaft mit Peekock angelegt hatte. Einige Kollegen hatten sogar den Verkehr mit ihm ganz offiziell abgebrochen. Auf einem anderen Kongress hatte ich es erlebt, dass ein bekannter Wissenschaftler aus Neuseeland zu Beginn seines Vortrags den Blick ueber das Auditorium schweifen liess und laut fragte, ob Prof. Peekock anwesend sein. Als sich niemand meldete, murmelte er deutlich vernehmbar ins Mikrophon: "Thanks God!" und begann seinen Vortrag. Von seinem Institut in Schottland erzaehlte man sich auch Horrorgeschichten. Was davon der Wahrheit entsprach, konnte ich nicht beurteilen, da ich - gluecklicherweise - nie Gelegenheit hatte, ihn dort zu besuchen. Kollegen, die bei ihm studiert hatten, berichteten allerdings von erstaunlich mittelalterlichen Managementmethoden. Peekock schien fest entschlossen, die verbleibenden Minuten bis zu Beginn der Eroeffnungssitzung in meiner Gesellschaft zu verbringen. Ich spuerte, dass sich auf meiner Stirne die ersten Schweisstropfen bildeten. Mein Magen krampfte staerker. Verdammt, wieso ging mir immer alles auf den Magen! Schon seit der Schulzeit habe ich auf unsympathische Menschen mit Erbrechen reagiert. Das hat mir so manche Tracht Pruegel und peinliche Spitznamen eingebracht. Spaeter, nach der Pubertaet wurde es besser, aber auch jetzt noch schlugen mir manche Zeitgenossen buchstaeblich auf den Magen. Ich runzelte die Stirne und versuchte, mich wieder auf Peekocks naeselnde Stimme zu konzentrieren. Er sprach wie eine monotone, langsame Maschine, abgesehen von den unzaehligen Haesitationen, die er zwischen fast jedes Wort einschob. Man koennte meinen, dass er sprachlich seinen Gedanken voraus war, anstatt umgekehrt. Denn viele Nebensaetze verliefen einfach im Sande. " ... aeh, hat ja auch noch bemerkt, dass es hier keine wirklichen ... aeh, hm, ja ... Neuheiten geben ... und ausserdem ..." Es half nichts. Ich spuerte, wie sich mein Magen umdrehte. Ich unterdrueckte ein Wuergen und dann kam der uebliche Schweissausbruch am ganzen Koerper. Verzweifelt blickte ich mich nach einem bekannten Gesicht um. Das Foyer fuellte sich nur langsam. Wie ueblich rechnete jeder damit, dass die erste Sitzung, die mehr formalen Charakter hatte, nicht unbedingt um 9:30 beginnen musste. Niemand, den ich als Vorwand benutzen konnte. " ...beschrieben hat ... aeh, ah ...fuehlen Sie sich ... aeh, hm ... nicht ganz wohl, Moltke? Was... aeh... ich Sie schon lange... hm... mal fragen
wollte: Sind Sie eigentlich verwandt mit... aeh... diesem deutschen Grafen Moltke, der... aeh... hmm... Nun, wie ich gerade sagte ..." Ich schaute auf meine Armbanduhr. Neun Uhr fuenfundzwanzig. Peekock unterbrechend stiess ich hastig hervor: "Entschuldigen Sie, aber ich muss ... ich habe ... wir sehen uns ja sicher noch in den Pausen ...", und stuerzte davon, auf der verzweifelten Suche nach einer Toilette. Die Kotze stand mir buchstaeblich schon bis zum Hals, als ich endlich die ersehnte maennliche Kulturikone erblickte und die Tuere aufriss. Ich prallte mit einen ziemlich dicken, mir unbekannten Herrn in Anzug und Weste zusammen, der dicht hinter der Tuere seine Haende trocknete. Er oeffnete noch den Mund, um empoert zu protestieren, verstummte jedoch angeekelt angesichts meiner stuermischen Entleerung in das naechste Waschbecken. Das ganze schoene Fruehstueck kam in handlichen Portionen zu je 5 Fluid Ounces wieder herauf. Seekrankheit kann nicht viel schlimmer sein. Ich wuergte und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Zwischen den Anfaellen versuchte ich, die Verdauungsprodukte hinunterzuspuelen. Nicht ganz einfach, weil das Abflussgitter so eng war. Vielleicht sollte ich in Zukunft auf die Haferflocken im Muesli verzichten. Scheinen schwerer verdaulich zu sein als der Rest. Das Schlimmste war erstmal vorbei. Jetzt kamen noch die Nachwehen. Gottverdammt, warum muss sich meine Abneigung immer auf so drastisch-koerperliche Weise aeussern! Andere Menschen schafften es ja schliesslich sogar, mit Peekock an einem Tisch zu essen! Allein der Gedanke daran hob mir wieder den Magen. Ok, jetzt aber Schluss! Da konnte ja gar nichts mehr drin sein! Ich war fest entschlossen, mein Abendessen von gestern bei mir zu behalten. Ich wusch mir fluechtig das Gesicht und versuchte, mich wieder einigermassen in Form zu bringen. Ein Blick auf die Armbanduhr. Pfeif auf die Eroeffnungssession! Wen interessiert schon die Selbstbeweihraeucherung der Grosseierkoepfe? Mannomann, ausgerechnet Peekock! Der Workshop fing ja gut an! Ich ging zurueck ins Foyer, setzte mich erschoepft in einen der alpenlaendischen Sessel und schloss fuer ein paar Minuten die Augen. Eine weibliche Stimme sprach mich auf Deutsch an. Einer der beiden huebschen Blondkoepfe am Kaffeeautomaten. Sie beaeugte mich besorgt. "Alles in Ordnung", versicherte ich ihr mit einem muehsamen Laecheln. Ich sah an ihrem Blick, dass sie mir nicht glaubte. Ok. Ich fragte sie nach ihrem Namen und ob sie heute Abend schon etwas vorhaette. JETZT glaubte sie mir und verzog sich hueftenschwingend hinter ihren Kaffeetisch, wo die andere Maus vor Neugierde schon fast platzte. Ich holte noch zwanzigmal tief Luft, dann raffte ich mich auf und ging hinueber zu einer der geschlossenen Saaltueren. Gute Schalldaemmung, dachte ich noch, als ich die Klinke bereits in der Hand hielt, man konnte trotz Verstaerkeranlage keinen Ton aus dem Saal hoeren. Als ich muehsam die schwere Tuere aufzog, geschahen in meinem Kopf mehrere Dinge gleichzeitig. Ich konnte spaeter nicht mehr erklaeren, warum ich so und nicht anders reagiert hatte, wieso ich nicht sofort in den Saal gestuerzt bin, warum ich nicht um Hilfe gerufen habe, und so weiter. Ich habe es nicht getan. Aber nicht deshalb, weil ich mir in diesen Sekundenbruchteil, als mein Blick in den Saal fiel, etwas GEDACHT hatte. Ganz bestimmt nicht! Ich handelte einfach automatisch. Wie man einen Wagen an einer drohenden Kollision vorbei steuert. Wie man der fallenden Taubenscheisse ausweicht. Wie Peekock meinen Magen umdreht. Nichts fuer ungut, Peekock! Aber in Zukunft war mein Magen sicher vor dir. Ich drueckte die schwere Tuere wieder zu und lehnte mich mit dem Ruecken dagegen. Dann winkte ich den beiden Maeusen, die mich noch immer verstohlen beobachteten. Zuerst wollte keine ihren wichtigen Posten verlassen, aber nach einigen Schubsen schwenkte die eine, die mir hatte helfen wollen, ihre Hueften zur Saaltuere. "Sprechen Sie Englisch?" fragte ich und wunderte mich selbst ueber meine ruhige Stimme. Sie klang mir irgendwie fremd und deplaziert. Die Maus nickte strahlend. "Gut. Passen Sie auf. Hoeren Sie gut zu. Es ist sehr wichtig. Auch wenn es Ihnen komisch vorkommt. Sie besorgen sich jetzt sofort den Schluessel zu diesen beiden Tueren ... " ich deutete mit dem Daumen auf die Tuere hinter mir und nach rechts zu der zweiten Saaltuere um die Ecke " ... und verschliessen diese sorgfaeltig. Inzwischen passt Ihre Kollegin auf, dass niemand - unter gar keinen Umstaenden - durch die andere Tuere den Saal betritt. Ich passe auf diese Tuere hier auf. Dann rufen Sie die Polizei und einen Krankenwagen mit Arzt. Haben Sie das alles verstanden?" Sie betrachtete mich, als ob ich von ihr verlangt haette, hier im Foyer eine Spontanstrip hinzulegen. Waehrend meinen Ausfuehrungen hatte sie im Takt meiner Stimme ganz leicht genickt und den Kopf immer weiter vorgestreckt. "Was?" fragte sie nach zwei Sekunden mit hilfloser Stimme. "Ganz ruhig. Passen Sie auf: Da drin ist etwas sehr Scheussliches passiert. Sie wissen, was 'Scheusslich' bedeutet? Gut. Ich weiss nicht genau, was es ist. Aber es scheint mir auf jeden Fall gefaehrlich genug, dass niemand durch diese Tueren gehen darf, bevor die Polizei hier ist. Verstehen Sie mich? Die Polizei." Sie nickte muehsam und blickte hilfesuchend ihrer Kollegin entgegen, die sich bereits auf dem Anmarsch befand. Die beiden verhandelten kurz auf Deutsch; dann rannte die eine los. "Bitte", sagte ich eindringlich zu der anderen, "gehen Sie hinueber und passen Sie auf, dass niemand die Tuere oeffnet. Bitte!" Das letzte Wort stiess ich so heftig hervor, dass sie erschrocken zusammenzuckte und gehorsam um die Ecke verschwand. Ich lehnte mich fester an die Tuere und merkte, wie mir die Knie zu zittern begannen. Erst jetzt schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Was war da drin passiert? Oder war ich das Opfer einer Halluzination? Sollte ich noch einmal ...? Nein, lieber machte ich mich laecherlich. Ich wollte nicht noch einmal sehen, dass DER GANZE SAAL ANGEFUeLLT WAR MIT LEBLOSEN, IN SICH ZUSAMMENGESUNKENEN KOeRPERN. Ich hatte noch nicht viele Tote in meinem Leben gesehen, dem Himmel sei Dank, aber irgendwie wusste ich, dass in diesem Saal niemand nur schlief oder bewusstlos war. Der Tod sickerte aus jeder Ritze des Tuerrahmens. ..