Es ist heiss heute.
Es wird eben Sommer.
Für die geplagten Angestellten der Uni bedeutet dies, dass die Tagestemperaturen in den Büros auf saunaverdächtige Werte ansteigen. Glänzende Aluminiumverkleidungen reflektieren unerbittlich die Sonnenglut, grosszügige Glasfassaden und Plattenbau erledigen den Rest.
Gemessen an der Zahl der Flüche, die Studenten und Hochschulangestellte auf das Haupt des unseligen Architekten häufen, müsste der gute Mann eigentlich in der untersten Ebene schmoren.
Glücklicherweise bin ich infolge meiner zweiten Natur gegen grosse Hitze weitgehend gefeit; lästig wird es nur, wenn einem beim DooM- Spielen dauernd der Schweiss in die Augen läuft.
Zuuupf - jetzt ist mein PC schon zu dritten Mal abgeschmiert.
Anscheinend bekommt ihm die Hitze auch nicht besonders.
Es ist richtig heiss heute.
Andererseits erleichtert die Hitze auch vieles. Ich mache meine Runde durch die Labors und breche bei einigen noch laufenden Workstations auf der Rückseite ein paar Sichtblenden heraus. Bei anderen rücke ich passende Kartons vor die Lüftungsschlitze oder drapiere herumliegende Kleidungsstücke so, dass sie direkt vor den würgenden Lüftern hängen. Durch die gestörte Konvektion erhitzen sich die Prozessoren und schmieren reihenweise ab.
Wieder im Büro rufe ich bei drei verschiedenen Hotlines an und heize den ohnehin schon schwitzenden Dispatchern noch mehr ein. Daher der Name 'Hotline'. Ich drohe mit Vertragskündigung und Regress, wenn sie nicht sofort einen Techniker schicken.
Dann schaue ich aufs Thermometer: 43 Grad, nicht schlecht, drei Grad mehr als gestern. Seitdem ich die Anweisungen des Hausmeisters, dass alle Fenster nachts geschlossen sein müssen, aufs Wort befolge, steigt die Temperatur seit Tagen kontinuierlich an. Die Anweisung stammt allerdings noch vom 13. Januar.
Ich schnappe mir die Giesskanne von Frau Bezelmann und überschwemme noch einmal alle Pflanzen im Institut. Dabei verspritze ich grosszügig Wasser auf die Teppiche und Polstermöbel. Eine halbe Stunde später zeigt das Hygrometer 92 % relative Luftfeuchtigkeit. Perfekt!
Draussen, im Biergarten der Cafeteria, beginnen sich die ersten StudentInnen zu entblättern. Ich gehe hinüber ins Optik-Labor und 'leihe' mir eine Digitalkamera aus. In meinem Büro richte ich die Kamera auf die 'Blondinen-Bank'. Diese Bank, eine an sich unscheinbare Leichtmetallkonstruktion, etwa 20 Meter schräg unter unseren Institutsfenstern, muss durch irgendwelche uralten Geheimnisse der Inkas oder Ägypter genau die kosmische Position zur Sonne einnehmen, die braungebrannte, wasserstoffgebleichte Blondinen unwiderstehlich anzieht. Laut meiner bisherigen Statistik über die Benutzer dieser Bank sind die Ereignisse 'blond', 'weiblich' und 'braungebrannt' stark signifikant, wogegen das Ereignis 'weitgehend entblättert' immerhin noch signifikant auf dem 0.005 Level ist.
Statistisch am unwahrscheinlichsten ist übrigens die Kombination 'männlich', 'bleichsüchtig', 'dunkel-fettige Haare' und 'schwarzer Skianzug'.
Was täten wir ohne die Statistik!
Ich verbinde die Kamera mit unserem WWW-Server, so dass alle fünf Sekunden ein aktualisiertes Bild der Blondinen-Bank in der Home- Page unseres Chefs erscheint. Das ist weitgehend risikolos, da der Chef es noch nie geschafft hat, seinen Net-Browser richtig zu konfigurieren. Um genau zu sein, liegt dies nicht am Chef allein, sondern an einem kleinen nützlichen Cron-Job, der alle zehn Sekunden die Konfigurationsdateien des Browsers im Home-Directory des Chefs wieder durcheinanderbringt.
Der erste Techniker taucht auf, um den kollabierenden Server B wieder aufzupäppeln. Als ich ihm die Türe zum Rechnerraum aufschliesse, wabbert uns eine feuchtwarme Welle abgestandener Luft entgegen. Es stinkt nach zu heiss gewordenem Gummi und Plastikteilen.
Der Techniker stöhnt und schaut mich verzweifelt an. Ungerührt verweise ich auf das Thermometer an der Wand; es zeigt 44 Grad an. In den Spezifikationen des Servers steht, dass er bis 45 Grad im 'zulässigen Betriebsbereich' arbeitet.
Von Luftfeuchtigkeit steht nichts in den Spezifikationen.
Was der Techniker nicht weiss: Die Skala des Thermometers hat sich infolge des Zusammentreffens mehrerer merkwürdiger Zufälle vor ein paar Jahren einmal abgelöst und wurde von mir mit Superkleber wieder 'repariert'. Eigenartigerweise zeigt das Thermometer seitdem etwa 10 Grad zu wenig an.
Es ist heiss heute, richtig heiss.
Auf dem Weg zurück ins Büro werfe ich einen Blick ins Sekretariat. Frau Bezelmann ist gerade dabei, kiloweise Eiswürfel auf Untertassen im Raum zu verteilen. Als ich sie frage, ob das 'Holiday on Ice' werden solle, erläutert sie mir mit zusammengekniffenen Lippen, dass sie durch das schmelzende Eis die Raumtemperatur zu senken hoffe.
"Nero mag keine solche Hitze", fügt sie hinzu und deutet auf den kahlen Raben, der geduckt auf seiner goldenen Stange hockt. "Er bekommt nur schlechte Laune davon."
Ich erwidere vorsichtig den starren giftig-gelben Blick des schwarzen Unglücksboten und überlege, ob die notorisch schlechte Laune Neros denn überhaupt noch steigerungsfähig sei.
Dann erkläre ich Frau Bezelmann und Nero, der plötzlich den Kopf streckt und aufmerksam zuhört, dass das Schmelzen von Eiswürfeln aus dem Kühlschrank völlig sinnlos sei, weil die dabei gebundene Energie beim Erzeugen der Eiswürfel im Eisschrank in Form von Wärme sofort wieder frei werde.
Frau Bezelmann betrachtet ungläubig den Eisschrank, der in seiner Ecke eifrig vor sich hin brummt. Aber sie muss zugeben, dass die Radiatoren auf der Rückseite Hitze abstrahlen.
"Ich habe die Lösung", sage ich. "Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Abwärme des Kühlschranks nicht wieder zurück ins Sekretariat gelangt."
Wir hängen die Zwischentüre zum Chefzimmer aus, die sonst immer abgeschlossen ist, weil Frau Bezelmann es nicht verträgt, wenn der Chef hinter ihrem Rücken ins Zimmer kommt, und rücken den Kühlschrank so in die offene Türe, dass er den unteren Teil ausfüllt und die Radiatoren zum Chef hineinragen. Auf den Eisschrank türmen wir alte Rechnerkartons und verstopfen die verbleibenden Ritzen mit Füllmaterial.
Gerade als wir fertig sind, kommt der Chef zur anderen Türe herein und bleibt erstaunt stehen.
"Äh...hm... was machen Sie denn da, Leisch?" fragt er und wischt sich den Schweiss mit einem weiss-blau karierten Taschentuch von der hohen Stirne.
"Ich helfe mal eben Frau Bezelmann", antworte ich wahrheitsgemäss.
"Ah, ja... hm", sagt der Chef und betrachtet die Kühlschrank-Karton- Füllmaterial-Konstruktion. "Und... äh... bei was ... äh... helfen Sie Frau Bezelmann?"
Frau Bezelmann springt selbst in die Bresche:
"Wir haben die kaputte Zwischentüre ausgewechselt, und Herr Leisch war so freundlich, mir dabei zu helfen, die Öffnung provisorisch zu verschliessen."
Frau Bezelmann deutet auf die ausgehängte Türe, die wir vorerst mal an die Wand gelehnt haben.
"Äh.. wieso... äh... ist die Türe denn kaputt gegangen? Sie schaut doch ganz normal aus...", meint der Chef und beäugt die Türe von allen Seiten.
"Na, dann versuchen Sie mal, sie zu öffnen", sagt Frau Bezelmann mit zusammengekniffenen Lippen.
"Sie öffnen? Aber... hm... das... das geht doch nicht...", erwidert der Chef erstaunt.
"Sehen Sie!" sagt Frau Bezelmann in einem Tonfall, der jede Weiterführung der Diskussion unmöglich macht.
Es ist heiss heute, so richtig heiss.
Gerade als ich wieder vor meiner Bürotüre angelangt bin, kommt eine Blondine auf Inline-Skates den Gang entlang gefahren. Ich meine eine RICHTIGE Blondine, mit wallendem goldglänzendem Haar, klasse Figur und bauchfreiem Top. Dass es sich um eine RICHTIGE Blondine handelt, erkennt man sofort an den blutrot lackierten Fingernägeln und dem schwarzen Haaransatz.
Ich ducke mich in meine offene Bürotüre, um einer etwaigen Kollision vorsorglich aus dem Weg zu gehen, aber die Blondine fängt sich geschickt am Türpfosten ab und schenkt mir ein strahlendes Lächeln aus tief- nein, nicht -blauen, sondern tief-braunen Augen.
"Sie sind Herr Leisch, nicht wahr?"
Ich kann es nicht leugnen und frage, was ihr Begehr ist.
"Ich bin auf der Suche nach einem Gehirn", sagt die Blondine unbekümmert und manövriert vorsichtig in mein Büro.
Ich werfe einen Blick auf das elektronische Thermometer an der Fensterscheibe; 48 Grad Raumtemperatur zeigt es an. Soviel ich weiss, treten Fata Morganen (ist das der korrekte Plural?) nur in wüstenartiger Umgebung auf. Ein Hitzekoller? Eine plötzliche Erleuchtung?
Vorsichtshalber setze ich mich erst mal hin.
"Sie suchen also ein Gehirn", sage ich dann behutsam.
"Äh, darf ich fragen, wozu Sie das Gehirn benötigen. Für.. ich meine...äh... für Sie selber? Als Eigenbedarf sozusagen?"
Die Blondine guckt mich verwundert an.
"Natürlich für mich selber", sagt sie, "ich brauche es für ein Referat bei Prof. Murnau."
Kollege Murnau ist unser Psycho-Spezialist. Was er an einem technischen Institut wie dem unseren zu suchen hat, wissen allein die Götter. Aber er hält fleissig Vorlesungen über alle möglichen Psycho- Themen: Psycho-Akustik, Psycho-Physik, Psycho-Dermatologie, usw., die sich alle grosser Beliebtheit als Nebenfächer erfreuen.
"Und bis jetzt... haben Sie das... das... äh... noch nie... äh... vermisst? Ich meine..."
Ein verwunderter Blick aus tief-braunen Augen.
"Nein, wieso?!"
Ja, wieso eigentlich, frage ich mich ebenfalls.
"Ich habe bis jetzt noch nie ein Bild vom Gehirn gebraucht", erklärt die Blondine geduldig.
"Ach so", sage ich erleichtert, "sozusagen als Anschauungsmaterial?" Die Blondine nickt.
"Am besten eine Draufsicht", sagt sie, "ungefähr so gross wie eine Folie."
Ich gebe ihr eine entsprechende Literaturangabe und sie rollt glücklich weiter in Richtung Bibliothek.
Ob sie die Inline-Skates zum Referat auszieht, denke ich noch zerstreut und fahre die Schutzschilde wieder hoch.
Meine Workstation keucht und bläst heisse Luft auf meine Füsse; durch die Jalousienschlitze kann ich die Hitze im Biergarten flimmern sehen.
Es ist heiss heute. Hatte ich das schon bemerkt? Richtig heiss...
© Copyright Florian Schiel 1996