Heute ist mal wieder Besuch angesagt. Da hilft auch der Schutzschild nichts mehr.
Unser nördlicher Projektpartner im SCHWAFEL-Projekt hat einen gewissen Herrn Doktor phil. Vogel zu einen eintägigen 'Arbeitstreffen' an unser Institut geschickt. So nennt man es, wenn jemand auf Staatskosten München besuchen will.

SCHWAFEL steht für 'Self Constructing Hyper Wavelet Algorithms For Extrapolating Linguistics'. Genauso grässlich wie der Titel ist auch das ganze Projekt. Übrigens weiss bis heute niemand, warum ein von der Bundesregierung gefördertes Projekt mit ausschliesslich deutschen Projektpartnern einen englischen Titel haben muss.

Herr Doktor Vogel ist Hanseate, wie er mir innerhalb der ersten 20 Sekunden erklärt, und ausserdem mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein ausgestattet. Er ist sehr gross, dünn und hat einen weit vorgestreckten Hals, auf dem ein langgezogener Schädel hin und herpendelt. Das längliche Gesicht mit der hohen Stirn wird noch betont durch einen schütteren Ziegenbart, der sich beim Lachen etwas sträubt. Herr Doktor Vogel lacht aber nicht viel, denn das würde seinen Redefluss behindern.

Die erste Stunde unseres 'Arbeitstreffens' lasse ich ausschliesslich Herrn Vogel reden. Dann sage ich:
"Aha",
und höre ihm die ganze zweite Stunde lang aufmerksam zu. Als nach der dritten Stunde noch keinerlei Anzeichen von Heiserkeit bei Herrn Doktor Vogel festzustellen sind, schlage ich vor, dass wir das Arbeitstreffen doch bei einem Arbeitsessen fortsetzen könnten. Herr Doktor Vogel ist einverstanden und redet weiter. Allerdings nützt er die Gelegenheit nunmehr dazu, um von fachlichen Themen auf persönliche umzusteigen.

Auf diese Weise erfahre ich auf dem Weg zum Lift, dass er nicht nur fachlich brillant ist, sondern auch im Privaten genau die Persönlichkeit darstellt, die ich schon immer kennenlernen wollte. Er ist natürlich ausserordentlich sportlich, spricht 5 Sprachen fliessend und hat ein Segelboot an der Elbe. In der Intimität der Liftkabine wechselt Herr Doktor Vogel zum Thema Frauen über:
"Wissen Sie, ich bin immer wieder überrascht, wie unwiderstehlich ich auf Frauen wirke", sagt er gerade, als die Lifttüre sich noch einmal öffnet, und Marianne zusteigt.
Die Türe schliesst sich und der Lift fährt wieder ruckend an. Ebenso setzt Herr Doktor Vogel unbekümmert die Darstellung seiner libidinösen Vorzüge fort. Mariannes Augen werden immer grösser und sie presst sich immer weiter ihre Ecke.
"Es scheint nunmal der Fall zu sein, dass ich auf das weibliche Geschlecht unwiderstehlich wirke", wiederholt Herr Doktor Vogel abschliessend, falls ich den Kernpunkt seiner Aussage vielleicht verpasst haben sollte.
Ich gucke Marianne an, Marianne guckt mich an. Herr Doktor Vogel guckt von mir zu Marianne, als ob er ihre Gegenwart erst jetzt zur Kenntnis nehmen würde.
"Finden Sie nicht auch?" fragt er Marianne unvermittelt.
Marianne wird erst knallrot, dann blass.
"Oh, äh...", stottert sie, dann erlöst sie der Aufzug, der im ersten Stock die Türe öffnet.
"Entschldgnsimushiaraus", nuschelt sie und schlängelt sich wie ein Aal durch den Türspalt.
Herr Doktor Vogel schaut mich triumphierend an.
"Haben Sie gesehen, wie sie errötet ist? Und kein vernünftiges Wort hat sie mehr herausgebracht. Ich habe fast immer eine so drastische Wirkung bei den Frauen."

Herr Doktor Vogel beginnt mich nun doch zu interessieren. Es reizt mich herauszufinden, wie weit sein Selbstbewusstsein geht.

Als wir aus dem Uni-Gebäude auf die belebte Strasse treten, strahlt die Sonne vom föhnig-blauen Sommerhimmel.
"Sehen Sie", sage ich, "das reinste Bilderbuchwetter. Nur für Sie bestellt."
Herr Doktor Vogel nickt beifällig lächelnd und segnet mit sanftem Blick die ganze Schöpfung, die im zu Füssen liegt. Erstaunlich! Vor dem Hauptportal der Uni deute ich auf die grosse Bayernfahne, die sich malerisch im Winde bauscht.
"Extra für Ihren Besuch haben sie die Flaggen gesetzt."
"Tatsächlich?" sagt Herr Doktor Vogel erfreut, bleibt für einen Moment stehen und betrachtet wohlgefällig das weissblaue Rautenmuster. Es ist nicht zu fassen!

In unserem Stammlokal erklärt Herr Doktor Vogel zunächst den gesamten Inhalt der Speisekarte für ungesund und schwer bekömmlich, bestellt schliesslich doch die Schweinshaxe und erklärt, als er sie schliesslich vor sich auf dem Teller hat, der genervten Bedienung detailiert, was seiner Meinung nach bei der Zubereitung des 'Eisbeins' alles schiefgegangen sei.
Während er das 'Eisbein' mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit verschlingt, verlangsamt sich sein Redefluss aus rein anatomischen Gründen soweit, dass man schon fast von einem geruhsamen Mittagessen sprechen könnte.
Plötzlich unterbricht sich Herr Doktor Vogel mitten im Satz und sagt: "Das Mädchen da drüben hat mir eben zugezwinkert. Ich habe es ganz deutlich gesehen."
Ich drehe mich unauffällig um, kann aber beim besten Willen weit und breit kein Mädchen entdecken. Bevor ich noch fragen kann, welches Mädchen er denn meine, ist er schon aufgesprungen und rückt sich die karierte Fliege vor seinem überdeutlichen Adamsapfel zurecht. Gerade noch rechtzeitig merke ich, dass er Frankie ansteuert, der wie immer um diese Zeit seine Berliner Weisse an der Bar süffelt.
Nur unter lautstarkem Protest gelingt es mir, Herrn Doktor Vogel aus der Kneipe zu lotsen.
"Aber ich verstehe Sie nicht", sagt er ungehalten und befreit sich aus meinem Polizeigriff, als wir glücklich wieder auf der Strasse stehen.
"Was können diese armen Geschöpfe denn schon dafür, dass sie bei meinem Anblick alle Hemmungen verlieren. Deshalb muss man sie doch nicht enttäuschen!"

Einen Augenblick überlege ich, ob ich ihn zurück zu Frankie an die Bar lassen soll, dann kommt mir eine bessere Idee.
"Wir haben aber jetzt keine Zeit mehr", erkläre ich. "Der Empfang beginnt gleich."
"Was für ein Empfang?" will Herr Doktor Vogel ungnädig wissen.
"Aber... aber wieso wissen Sie das nicht?" wundere ich mich. "Die Institutsleitung misst Ihrem offiziellen Besuch hier in München so hohe Bedeutung bei, dass sie dem Rektor empfohlen hat, heute Nachmittag einen offiziellen Empfang zu Ihren Ehren zu veranstalten."
Die Miene von Herrn Doktor Vogel hellt sich zusehends auf.
"Der Empfang findet im Senatssaal statt", fahre ich fort und ziehe ihn sanft am Ärmel weiter. "Der ganze Senat wird anwesend sein; vielleicht verleiht man Ihnen sogar eine Ehrenurkunde. Oh, Gott! Jetzt sind Sie natürlich gar nicht vorbereitet. Sicher erwartet man auch von Ihnen ein paar Worte."
"Natürlich", meint Herr Doktor Vogel selbstbewusst, "das ist überhaupt kein Problem. Ich werde einfach improvisieren."
"Bravo", rufe ich erleichtert, "da fällt mir aber ein Stein vom Herzen."
Aber Herr Doktor Vogel winkt bescheiden ab. "Das ist doch für mich überhaupt kein Problem."
"Aber eines muss ich Ihnen noch sagen", fahre ich ernst fort, "ich muss Sie gewissermassen vorwarnen: Es gibt im Senat immer noch einen - nun sagen wir - etwas exotischen Professor, der immer wieder versucht, dem Redner ins Wort zu fallen. Unter uns gesagt, es sind halt nicht mehr die allerjüngsten, unsere Ordinarien."
"Total verkalkt, eh?" meint Herr Doktor Vogel beifällig lächelnd.
"Nun ja, das will ich nicht gesagt haben", sage ich, "aber er ist eben bekannt dafür, dass er jeden Redner bei allen Gelegenheiten zu unterbrechen versucht. Dieser besagte Professor sitzt normalerweise am Kopfende des Tisches; auch so eine Marotte von ihm: er will nur dort sitzen."
Inzwischen sind wir im Uni-Hauptgebäude angelangt und stehen vor den hohen Flügeltüren mit dem goldenen Schild 'Senatssaal'. Herr Doktor Vogel zupft sich die Fliege zurecht.
"Also", sage ich, "gehen Sie hinein und beginnen Sie mit ihrer Rede. Lassen Sie sich durch ihn nicht ablenken, auch wenn er schreit oder droht. Das ist ganz normal."
Ich öffne die Türe eine Spalt und schiebe den Herrn Doktor Vogel in die gemächlich vor sich hindümpelnde 467. Sitzung der Haushaltskommission. Ich sehe noch wie Prof. Kürfass, der Vorsitzende, ein ganz scharfer Hund, überrascht ob der Störung von seinen Papieren aufblickt. Dann schliesst sich die Türe mit schicksalhaftem Knall hinter Herrn Doktor Vogel.

Später, in meinem Büro, ruft mich ein Arzt aus der psychatrischen Universitätsklinik an.
Ja, Also, sie haben da heute Nachmittag einen ungewöhnlichen Fall reinbekommen, meint er. Der Patient sei offensichtlich in einer manischen Phase und verlange zwischen seine Anfällen immer diese Nummer anzurufen.
Ich versichere ihm, dass ich keinen manischen Bekannten habe, was nicht mal gelogen ist, und frage, ob sie so einen Irren doch hoffentlich nicht freilassen würden.
"Ich meine, dann kommt er am Ende noch zu mir nach Hause", füge ich besorgt hinzu.
Der freundliche Arzt beruhigt mich:
"Unter drei Monaten kommt der sicher nicht aus der Beobachtung. So einen interessanten Fall hatten wir hier schon lange nicht mehr."


© Copyright Florian Schiel 1996