Ich sitze gerade mit meinem Taschenrechner auf dem Klo und berechne, was so eine durchschnittliche Sitzung meinen Arbeitgeber kostet, als plötzlich mein Pager losheult.
In Deutschland sind wir ja irgendwie (ja, wie eigentlich?) von dieser Plage verschont geblieben (dafür haben wir die galoppierende Handy- Seuche!). Aber hier an der Westküste gilt der Pager nach wie vor als unersetzliches sekundäres Geschlechtsmerkmal: ein Mann ist kein Mann ohne seinen Pager am Gürtel!
Ein klingelndes Telefon ist schon in den meisten Fällen 'bad news', aber ein jaulender Pager noch viel mehr. Wenn jemand so dringend mit dir sprechen will, dass er deinen Pager auslöst... Junge, dann ist es bestimmt nicht Michelle Pfeiffer, die einen 'date' mit dir haben will!

Ich käme ja nie auf die abstruse Idee so ein Ding mit mir herumzuschleppen (höchstens einen ohne Batterien, um die Chicks zu beeindrucken), aber hier an der Uni MUSS jeder SysOps mit so einem Lärmwecker herumlaufen.

Ohne auf das Display zu gucken, entsorge ich den heulenden Pager auf die mir übliche Weise und spüle sicherheitshalber zweimal nach. Das Piepsen wird rasch leiser, während das Ding zur Hölle (sprich zur Kläranlage) fährt.

Befriedigt nehme ich meine Kalkulationen wieder auf. Eine durchschnittliche Sitzung mit Zeitung kommt auf... $ 6,34 und zweidrittel Cents.
Missmutig gucke ich auf das senfgelbe Display. Viel zu wenig! Seit der Hop-Heads-Party gestern herrscht Ebbe in meiner Kasse und es sind noch vier Tage bis zum nächsten Paycheck!

Ich gehe zurück in mein Büro und browse durch die Personaldatei in Verwaltungscomputer unserer Buchhaltung. Wer könnte noch was von seinem letzten Paycheck übrighaben? Nach kurzem Überlegen wähle ich zwei Kollegen aus, die fördernde Mitglieder bei Greenpeace sind und sich in ihren CVs als 'umweltbewusst' einstufen. Ich fahre bei beiden (einer ist auch noch als Abstinenzler verschrien) die Workstations in den Single-User-Modus herunter und sende als Broadcast die folgende Message auf die Konsolen:

"CPU panic: device /dev/null is full
Have electrons recycled properly before resuming work"

Dann lege ich die Hand auf den Telefonhörer; nach zehn Sekunden läutet es:
"Ist dort die SysOps? Auf meiner Konsole..."
"Ist bekannt! Wir arbeiten daran!" schnappe ich und knalle den Hörer auf die Gabel. Im allgemeinen sind die User viel zugänglicher, wenn man sie erst einmal schmoren lässt. Ich schalte den VCR ein und gucke mir den letzten 're-run' der Simpsons an.
Siebzehn Minuten später läutet es wieder. Er ist es wieder (der andere scheint nicht in seinem Büro zu sein oder er schläft wie üblich). "Mein Workstation ist immer noch nicht hochgekommen", beschwert er sich indigniert.
"Stimmt", sage ich, "und sie wird auch nicht wieder hochkommen, bis wir die ganzen Elektronen in Ihrem Null-Device entsorgt haben...
Genaugenommen sind die schon eineinhalb Monate überfällig.
Eigentlich ist das schon eine Ordnungswidrigkeit..."

Kurze Pause. Ich höre, wie nacheinander 1.560.000 Neuronen zugeschaltet werden. Dann:
"Äh... können Sie das noch einmal...?"
Ich seufze hörbar.
"Lesen Sie denn nie die Zeitung?" frage ich genervt.
"Also..."
"Sie haben offensichtlich als einziger an der Uni noch nicht mitbekommen, dass nach der letzten Gesetzesinitiative 456 von Governer Wilson in Kalifornien ab sofort alle EDV-basierten Elektronen aus Umweltschutzgründen kontrolliert entsorgt werden müssen."
"Oh, aber..."
"Früher durften wir alles, was nach /dev/null kopiert wurde, also praktisch alle Löschvorgänge, einfach im Lüfter verbraten. Seit Anfang des Jahres geht das nicht mehr; jedenfalls nicht in Kalifornien! Sie sind wahrscheinlich von der Ostküste, was?"
"Äh, nein... äh... ich..."
"Hier bei uns werden die Elektronen jedenfalls im sogenannten G- RAM (Gather RAM) gesammelt und müssen von Zeit zu Zeit entsorgt werden."

In jedem anderen Staat der USA würde der Bursche jetzt einen verschärften Lachanfall zweiten Grades bekommen - aber nicht in Kalifornien. Hier an der Westküste haben wir die schärfsten Abgasgesetze der Welt. Die ASU-Messgeräte sind über das Internet direkt mit dem 'Department of Motor Vehicles' verbunden, damit niemand beim Testen bescheissen kann. Sogar das Benzin verbrennt (angeblich) sauberer als anderswo.
Sämtliche Produkte des täglichen Bedarfs sind 'Natural', 'High in Fiber' oder 'Bio Degradable', sonst lassen sie sich eh nicht verkaufen. Alternativ haben sie ein 'Valley' im Produktnamen ("Gold Valley Dairy", "Happy Valley Software", "Missiles from the Valley", "Valley Plutonium Inc.", etc.).
Das Kühlmittel 'Freon', das hierzulande tonnenweise in Klimaanlagen verwendet wird, ist mit so hohen Ozon-Schicht-Steuern belastet, dass ein Leck im Kühlkreislauf den Wert deines Autos in Null-Komma-Nix auf Null schrumpfen lässt (wobei niemand so genau erklären kann, wie diese Steuer der Ozonschicht zugute kommen soll, wenn damit Wahlkampf-Kampagnen finanziert werden!).
Das Ausspucken eines Kaugummis in San Francisco kann bis zu $2000 kosten und Pinkeln in der Öffentlichkeit ist eine schwere Straftat.
Die Firmen in der Bay Area verwenden nur noch gräulich-graues Recycle-Papier und blasse Sojabohnen-Tinte in ihren Büros (kein Scheiss!), und in den Nationalparks ist man angehalten, doch bitte die Zahnpasta beim Zähneputzen herunterzuschlucken, damit ja nichts in die heilige Umwelt gelangt!
Nach der 'No Fat'-, 'Low in Colesterol'- und 'Sodium Free'-Aera befinden befinden wir uns derzeit mitten in der 'Organic'-Welle - und das 'Bio Dynamic Movement' zeigt sich schon am Horizont!
Jeden Monat einmal (am letzten Freitag) wird die Innenstadt von San Francisco durch Zigtausende von RRs (Radikale Radler) lahmgelegt, die sich erbitterte Platzkämpfe mit den motorisierten Verkehrsteilnehmern liefern.

Eines muss man den Kaliforniern lassen: Wenn sie etwas anpacken, dann sind sie gründlich! (In dieser Hinsicht ähneln sie eigentlich mehr den Deutschen als den anderen Durchschnitts-Amerikanern.)

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Greenpeace- Abstinenzler nur ein fürchterlich schlechtes Gewissen wegen der ganzen umweltschädlichen Elektronen in seinem G-RAM hat, anstatt mir ins Gesicht zu lachen.

"Oh", stammelt er betroffen. "Jesus! Ja, was machen wir denn da..." Ich bringe ihm behutsam bei, dass ich, obwohl meine Task-List schon fast bis in den Keller reicht, kurz 'runterkommen und seine ganzen Elektronen mit einen G-RAM-BRVD (G-RAM-Bit-Recycling-Vakuum- Device) entsorgen könnte. Allerdings betrage die Gebühr zur Zeit 24 Cents per Kilobyte...
Erleichtert greift er nach dem rettenden Strohhalm - und rückt sogar ohne zu zögern mit seiner Kreditkarten-Nummer 'raus! So ein Sucker!

Wenige Minuten (und ein bisschen Fummeln mit einem alten SCSI-Terminator) später sind meine finanziellen Probleme bis zum nächsten Monatsende erstmal vom Tisch...

Meine Stimmung steigt auf Super-Platinum-Plus mit fünf Sternen! Wie immer, wenn ich glänzender Laune bin, starte ich mein Skript 'Russian Roulette', das zehn 'Ping of Deaths' an zehn zufällig ausgewählte Windoofs-Rechner am Campus verschickt.
(Falls jemand von euch Windoofs-User ist und nicht wissen sollte, was ein 'Ping of Death' ist, soll er mir mal seine IP-Adresse schicken...)
Dann ändere ich noch rasch die Aufzug-Steuerung in unserem Gebäude, so dass der Fahrstuhl immer ein Stockwerk zu hoch oder zu niedrig anhält, und gehe gemütlich über den Notausgang nach Hause.


© Copyright Florian Schiel 1997