Die Waffe drueckte sich schmerzhaft in meinen Kehlkopf. Vor
Angst schloss ich die Augen. Im naechsten Augenblick
loeste sich der Schuss wie eine Schockwelle. Etwas Heisses
streifte meine Wange, dann spritzte es warm ueber
Hals und Brust.

Jetzt bist du tot, dachte ich noch und spuerte den harten Aufprall meines Koerpers, der einen Moment lang wie schwerelos erschien, auf dem rauhen Holzfussboden.
Jetzt bist du tot, dachte ich nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Beim fuenften Male dachte ich, dass da irgend etwas nicht stimmen koenne, und machte die Augen wieder auf. Korrektur: nur das linke Auge, das
rechte schien sich nicht zu ruehren.
"Verdammt!" Archies Stimme war nur noch ein heiseres Kraechzen. "Wieso bist du immer noch nicht tot?!"
Sein schweissglaenzendes Gesicht war ueber und ueber mit roten Punkten besprenkelt. Ich wollte antworten, wurde aber nur mit einem heftigen stechenden Schmerz belohnt, so als ob mir jemand mit einem gluehenden Schuerhaken im Mund herumruehren wuerde. Der ploetzliche Schmerz machte mich fast ohnmaechtig. Ich fuehlte vage, wie mein Koerper herumgerissen wurde, und wunderte mich benommen, dass Archie eine solche Kraft hatte, mich so weit in die Luft zu werfen. Dann merkte ich, dass ich immer noch
fiel, obwohl ich schon laengst wieder auf dem Boden haette aufschlagen muessen. Das Droehnen in meinen Ohren liess langsam nach und merkwuerdige, in rotes Licht getauchte Bilder tauchten schemenhaft vor meinem Auge auf: Archies verzerrte Fratze schien ploetzlich nach hinten zu kippen, Beckers besorgtes Gesicht kippte von links ins Blickfeld und bewegte lautlos die Lippen.
Reflexartig schrie ich: "Was?" und wurde erneut mit einem Schmerzschock bedient, der mir alle Sinne raubte. Das Naechste, was ich wahrnahm, war ein unkontrollierbares Zittern, das alle Muskeln in meinem geschundenen Koerper zu befallen schien. Ganz weit weg in der rot-nebligen Ferne tauchte ein trauriges Gesicht auf und schien naeher zu kommen.
"Janet", dachte ich erkennend. "Janet, es wird ... alles wieder gut. Alles in Ordnung. Mach' dir keine Sorgen. Es wird alles ..."

Schlagartig, wie wenn jemand die Stop-Taste in einem Horror-Video gedrueckt haette, hoerte alles auf. Ein trueber Lichtschein erschien in der Dunkelheit und verdichtete sich zu einem winzigen, grauen Bild, das wie durch ein umgekehrt gehaltenes Fernglas aussah. Ich erblickte Archie, auf dem Bauch liegend, und Becker, der auf seinem Ruecken kniete und ihm Handschellen anlegte. Ich sah Peters in einer Blutlache an der Wand sitzen, und das dunkelhaarige Maedchen, die mir die nutzlose Viehpeitsche zugesteckt hatte, wie sie hektisch an seinem erschlafften Koerper herumhantierte. Und ich sah die verkruemmte Gestalt, direkt in der Mitte des Bildes, das, wie ich erst jetzt erkannte, von einem Standpunkt meilenweit ueber der kleinen unwichtigen Szene erfasst wurde. Eine reglose Gestalt ohne Gesicht, ein ekelhafter Anblick, der meinen empfindlichen Magen normalerweise sofort veranlasst haette, sich gruendlich zu entleeren. Aber an meinen empfindlichen Magen musste ich keinen Gedanken mehr verschwenden, was ich auch nicht tat. Alles schien
im Moment voellig logisch und klar wie Wasser, und nicht der Rede oder der weiteren Beachtung wert.
"GEHEN WIR?"
Ich nickte.


Alternativen folgen.

Copyright 2007 Florian Schiel

Den Krimi 'Wenn Stimmen toeten...' mit dem einzig wahren Ende gibt es
auch als Taschenbuch. Jetzt bestellen, solange noch Exemplare da sind:
http://www.bas-services.de/basvs/