Ich mache meine übliche Runde durch die Labors und Institutsräume, um zu sehen, ob alles seinen gewohnten Gang geht. In der Herrentoilette versenke ich in jedem Pissoir einen Tampon. Das sind ganz geniale Dinger: die quellen im Wasser blitzschnell auf und verstopfen todsicher den Abfluss.
Insgesamt scheinen mir in den Labors zuviele Rechner am Laufen zu sein; also lockere ich unauffällig zwei CheapWire-Verbindungen im Werkstudentenzimmer. Das CheapWire oder ThinWire ist eine grossartige Erfindung: nicht nur dass die unzähligen BNC- Verbindungsstücke die Quelle ebenso unzähliger Fehlfunktionen sein können, darüber hinaus ist es unmöglich, eine Fehlfunktion einfach zu lokalisieren. Man muss das Netz Stück für Stück auftrennen und den Fehler langsam einkreisen. In der Praxis bedeutet dies, unter den Schreibtischen und in den staubigsten Ecken herumzukriechen und die Steckverbinder aufzuschrauben. Ganz unmöglich wird die Fehlersuche, wenn das Netz an ZWEI Stellen unterbrochen ist, weil man dann praktisch nur durch Zufall die Fehlerstellen finden kann.
Die Studenten sollten mir dankbar sein. Schliesslich bekommen die Dauerhacker wenigstens auf diese Weise ein bisschen Bewegung.
Im Nichtraucherzimmer der Diplomanden schnuppere ich prüfend in die Luft. Nichts. Nicht die Spur eines Zigarettenrauchs.
Mist!
Das bedeutet, dass mein genialer GlimmoMat wieder mal ausgefallen ist. Ich hole die Leiter aus der Werkstatt und öffne den Inspektionsschacht zur Klimaanlage.
Aha! Der GlimmoMat ist nicht ausgefallen, aber der Vorrat an Gauloises ist aufgebraucht. Der GlimmoMat - eine meiner genialsten Erfindungen - verkokelt pro Woche etwa ein Päckchen und lässt den entstehenden Gestank über die Klimaanlage in den Nichtraucherbereich strömen. Natürlich nur gerade soviel, dass es nicht auffällt.
Ich gehe hinunter zur Cafeteria und stecke 5 Mark in den Zigarettenautomaten. Als ich auf den Knopf drücke, kommt statt des erwarteten Päckchens und Wechselgeldes nur ein kleiner rosarot gefärbter Zettel aus dem Schacht geflattert. Ich lese, was darauf steht:
Wir gratulieren! Dieser Automat hat Sie soeben davor bewahrt, Ihre Gesundheit noch weiter zu schädigen.
Der von Ihnen freundlicherweise eingeworfene Spendenbetrag wird dem gemeinnützigen 'Verein für ein nikotinfreies Sonnensystem' auf Omikron 16 gutgeschrieben. Vielen Dank.
Und darunter, ganz klein:
Spendenbestätigung Der 'Verein für ein nikotinfreies Sonnensystem' ist als gemeinnützig anerkannt (Bescheid vom Finanzamt Beteigeuze 78, St.-Nr. 333545676-9897-AZ).
Wir bestätigen, dass wir den uns zugewandten Betrag satzungsgemäss verwenden werden.
'Zugewandter Betrag' ist echt gut, denke ich und betrachte den Zigarettenautomaten etwas genauer. Jetzt erst bemerke ich, dass unter den einzelnen Zigarettenmarken ganz klein vermerkt ist:
"Das Drücken dieser Taste bewahrt Sie davor, genau diese Marke zu rauchen."
Genial. Einfach genial. Warum bin ich noch nicht selber darauf gekommen?
Eigentlich, wenn man es genau überdenkt, gibt es an der ganzen Uni nicht sehr viele Leute, die sich so etwas Geniales ausdenken könnten. Auf dem Rückweg zum Institut überschlage ich im Kopf, wieviele StudentInnen (Da wars schon wieder! Habt ihrs bemerkt?) wohl pro Tag auf den Trick hereinfallen könnten. Der Endbetrag beflügelt meine Schritte. Kurz darauf bin ich im Sekretariat.
Frau Bezelmann ist gerade dabei, ein neues Schild mit den Sekretariats- Öffnungszeiten während der Semesterferien an der Türe zu befestigen. "Öffnungszeiten Sekretariat", steht da in grossen Buchstaben und darunter:
"Während der Semesterferien 8:00 - 12:30 Uhr, nur an geraden Wochentagen, Di und Do jedoch kein Parteiverkehr"
"Aha", sage ich, nachdem ich einen Moment überlegt habe, "zum Glück gibt es ja auch noch Sachen, die immer geöffnet sind, z.B. Tankstellen oder ZIGARETTENAUTOMATEN, nicht wahr?"
Der Rabe Nero hört auf, seine ausgefransten Schwanzfedern zu glätten und fixiert mich scharf mit seinen gelben Augen. Frau Bezelmann zieht missbilligend die Mundwinkel nach unten, sagt aber nichts.
"Naja", fahre ich unbekümmert fort, "die Studenten können ja dann zum Trost eine RAUCHEN, wenn sie vor verschlossener Türe stehen.
Hat der Chef die Öffnungszeiten eigentlich schon mal nachgerechnet?"
Ich tippe auf das Schild.
Frau Bezelmann zieht sich hinter ihren Schreibtisch zurück, der wie eine Festung aussieht und links und rechts mit riesigen Stachelpalmen bestückt ist. Sie schaut mich einen Augenblick lang forschend durch ihre blitzenden Augengläser an. Ich erwidere den eisigen Blick gnadenlos.
Dann seufzt sie und sagt leise:
"Wieviel?"
"Kommt darauf an, was bei der Sache so erzielt wird", erwidere ich ebenso leise und stütze mich auf ihre Schreibtischfläche.
"Nach meiner Rechnung müssten es schon ca. 100 Süchtige pro Tag sein, die..."
"Soviele sind es nicht", protestiert Frau Bezelmann energisch.
Ich bin sicher, dass sie lügt, um mich runterzuhandeln.
"Na gut", sage ich, "30 % und die Sache geht weiter wie bisher."
Frau Bezelmann ist einverstanden.
Beschwingt gehe ich zurück in mein Büro. Ich bin so guter Laune, dass ich heute ausnahmsweise darauf verzichte, die gesammelten Zigarettenkippen aus dem Raucherzimmer in die CDROM-Laufwerke im PC-Labor zu verteilen. Obwohl das schon mal ganz spassige Folgen hatte: ein Raucher, der zufällig im Gang vorbeikam, wurde beinahe gelyncht, als unser Hardware-Futzi endlich die Kippen aus den CDROMs rausgepopelt hatte.
Ist das Leben nicht wunderbar?
© Copyright Florian Schiel 1996