Zu den weniger angenehmen Pflichten, denen sich auch ein BAFH nicht ganz entziehen kann, gehört die Korrektur von Diplomarbeiten. Gegenwärtig liegen drei dieser Dinger in verschieden ausgeprägten Stadien des natürlichen Zerfalls auf meinem überlasteten Schreibtisch. Ich nehme die unterste zur Hand und blase die Staubschicht weg, so dass ich den Titel lesen kann.
'Entwicklung eines Algorithmus zur phasensynchronisierten Re-Routing-Function innerhalb des dritten Layers des Iso-Schichten-Modells'
Ich verspüre einen vertrauten, leichten schmerzhaften Druck in der Stirn, genauer gesagt, in den kleinen Höckern etwas oberhalb der Schläfen. Warum kann ich nicht Diplomarbeiten mit wirklich
WICHTIGEN und WISSENSCHAFTLICH INTERESSANTEN
Themen betreuen? Zum Beispiel: 'Verführung mit Hilfe eines Data Gloves' oder 'Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Kreditkartenlesern'.
Ich quäle mich durch die Zusammenfassung, die - der Hölle sei Dank! - von der Prüfungsordnung vorgeschrieben und auf eine Seite beschränkt ist. Dann verteile ich quer Beet im ganzen Schinken etwa 100 unleserliche rote Schnörkel und grabe mich durch die Zusammenfassung am Ende. Nach dieser schier unmenschlichen Leistung schlage ich die Horoskopseite der Abendzeitung auf und übertrage das Tageshoroskop des Studenten als abschliessende Beurteilung in roter Farbe auf die letzte Seite. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die die Beurteilungen von Lehrern und Dozenten immer so unleserlich sind? Das liegt nicht etwa daran, dass diese so viel zu tun haben und deshalb schnell schreiben müssen. Nein, vielmehr soll der nichtssagende Kommentar durch die Unleserlichkeit in den mystischen Rahmen eines Orakelspruchs erhoben und damit so unfehlbar werden wie der Papst, wenn er vor der Kongregation unverständlich ins Mikrophon mümmelt.
Ich hole meinen schwarzen Würfel aus der Schublade und werfe eine 4.
Na, gut, denke ich, geben wir ihm noch einen Bonus dafür, dass die Arbeit unter 100 Seiten hat.
Ich male sorgfältig eine grosse rote 3 auf die erste Seite und lege den Schinken seufzend zur Seite. Für die anderen beiden habe ich jetzt natürlich keine Energie mehr. Also beschränke ich mich auf das Abschreiben des Horoskops und den Würfel. Der letzte bekommt noch einen Malus, weil er einen angeberischen, roten Einband für sein Manuskript gewählt hat.
Apropos Einband: ich bemerke, dass ich keine Büroklammern mehr habe, mit denen ich immer die Schlösser der Büros im ersten Stock verstopfe, wenn ich zur Cafete hinuntergehe. Also gehe ich ins Sekretariat und, da es wie üblich leer steht, bediene ich mich selber aus dem Büromaterialschrank der Sekretärinnen. Plötzlich krächzt es einmal leise aber deutlich hinter meinem Rücken und wie aus dem Nichts erscheint die neue Sekretärin. Sie wirft mir einen vernichtenden Blick zu und schliesst, ohne ein Wort zu sagen, betont langsam den Materialschrank vor meiner Nase ab. Der Rabe in seinem messingfarbenem Käfig betrachtet mich hämisch, mit halb geöffneten Schnabel.
Ich überlege einen Moment. Dann erkläre ich Frau Bezelmann und ihrem Raben, der interessiert den Kopf auf die Seite legt, was man mit einfachen Büroklammern alles machen kann. Die BSFH schaut mich einen Moment lang stumm an, dann verziehen sich ihre Mundwinkel noch eine Idee weiter nach unten und sie sperrt den Schrank wieder auf.
Als ich mit den Taschen voller Büroklammern zu meinem Büro zurückkomme, werde ich bereits sehnlichst erwartet. Ein Diplomand tritt vor meiner Türe aufgeregt von einem Fuss auf den anderen. Das umfangreiche Paket unter seinem Arm lässt mich Böses ahnen.
"Oh. Herr Leisch. Ich komme, um Ihnen meine Diplomarbeit zur Korrektur abzugeben", sprudelt es aufgeregt aus ihm heraus, noch bevor ich meine Tür aufsperren kann.
"Sind Sie sicher, dass Sie sie jetzt schon abgeben wollen?" seufze ich.
"Wollen Sie sich 's nicht nochmal anschauen?"
Der Student schüttelt heftig den Kopf. Einer von der selbstsicheren Sorte also. Einer, der vielleicht schon seine Karriere bis zur Vorstandsetage geplant hat. Hah!
"Ich bin mir ganz sicher, dass ich nichts mehr verbessern kann."
Sein Tonfall lässt keinen Zweifel, dass er es auch sonst keinem Menschen zutraut. Dass also mit der besten Note für sein epochemachendes Werk zu rechnen sei. Dass die Fachwelt aufhorchen wird, etc. pp.
Ich nehme ihm den dicken Packen Papier aus den zitternden Händen und sage freundlich:
"Dann kommen Sie doch erst mal herein und nehmen Sie Platz."
Er folgt mir aufgeregt plappernd in mein Allerheiligstes. Während er sich hinsetzt, gelingt es mir unbemerkt, das umfangreiche Manuskript gegen einen ähnlich grossen Packen Kopierpapier auszutauschen.
"Na, dann wollen wir mal sehen", sage ich und lasse mich in meinen Sessel fallen.
Ich öffne die Mappe und schaue scheinbar verblüfft auf die leeren Seiten. Ich blättere kurz durch den Stapel und meine lächelnd:
"Haben Sie sich etwa den Nihilismus verschrieben, mein Bester? Oder glauben Sie, dass mich diese weissen Seiten dazu inspirieren sollen, Ihre tiefgründigen Gedanken per Telepathie zu erraten?"
"W-w-w-was?" blubbert er fassungslos.
Ich reiche ihm den Packen Kopierpapier herüber und er beginnt mit flatternden Händen die Papiere auf der Suche nach der Schrift durchzublättern.
"Aber... aber das verstehe ich nicht! Ich bin mir ganz sicher, dass ich... ich meine... das kann doch nicht sein..."
"Für alles gibt es eine wissenschaftliche Erklärung", sage ich streng und lege konzentriert die Fingerspitzen aufeinander.
"Sie haben das Manuskript erst heute ausgedruckt?"
"Gestern", sagt er und schluckt mühsam. "160 Seiten, auf meinem Laserdrucker..."
"Aha, gestern sagen Sie? Ja, hören Sie denn kein Radio, mein Bester? Sagen Sie bloss, Sie haben nichts von den verlagerten Nordlichtern gehört, die letzte Nacht in Mitteleuropa gesichtet worden sind?"
"Äh..."
"Aber dass starke ionisierende Strahlung Pigmente zersetzen kann, wissen Sie ja wohl noch aus Ihren physikalischen Praktikum, nicht?"
"Äh, ja..."
"So wie eine Zeitung in der Sonne innerhalb kürzester Zeit ausbleicht, nicht wahr? Nur dass letzte Nacht die ionisierte Korpuskelstrahlung der Sonne mindesten 6 Grössenordnungen stärker war als normales Sonnenlicht. Sicher ist es Ihnen nicht aufgefallen, weil Sie so mit Ihrer Arbeit beschäftigt waren, aber heute morgen sind keine Zeitungen ausgeliefert worden, weil sich die Druckerschwärze bei so starker Strahlung nur wenige Stunden halten würde. Das Verschwinden Ihres Textes ist also leicht erklärbar."
"Ah, ja", sagt er erleichtert. Wenn er wüsste, dass er soeben um zwei Notenstufen abgesackt ist!
"Aber was viel schlimmer ist", fahre ich fort, "die Korpuskelstrahlung wirkt sich auch negativ auf magnetisch stationäre Felder aus. Daher auch die Empfehlungen der Astrophysiker gestern, alle PCs mit absorbierenden Stahlplatten zu belegen. Ich hoffe sehr, Sie haben das beherzigt."
Ich beobachte, wie diese Information langsam in seinen vorderen Kortex einsickert. Schlagartig weicht alle Farbe aus seinem Gesicht.
"Sie meinen doch nicht..." flüstert er mit schwacher Stimme. Plötzlich springt er auf und verlässt Hals über Kopf mein Büro.
Ich atme befreit auf. Wer hat gesagt, morgen ist auch noch ein Tag? Ich mache für heute Schluss und hänge meinen Schutzschild raus.
Auf dem Weg nach draussen lasse ich das Manuskript unauffällig in den Reisswolf fallen.
Leider, denke ich melancholisch, leider nur mit aufschiebender Wirkung.
© Copyright Florian Schiel 1996