Kaum habe ich mich hingesetzt, läutet zur Begrüssung das Telefon. Es ist der Chef.
Vorsichtig fragt er, ob ich an den Abschlussbericht zum HARPO Projekt gedacht habe. Er sei leider heute fällig.
"Selbstverständlich" antworte ich, "ich bringe ihn gleich vorbei."
Ich rufe mein hübsches kleines Programm genˍrep auf, und eine Maske erscheint am Bildschirm. Ich trage Titel, Sprache, ungefähres Fachgebiet, Anzahl der Seiten und vor allem die Dateien aller bereits für dieses Projekt geschriebenen Berichte (natürlich auch die der anderen Projektpartner!) in die Maske ein, klicke noch den Button 'Final Report' und starte den Generator. Nach nur 30 Sekunden kommt der Abschlussbericht fix und fertig aus dem Laserdrucker.
Natürlich enthält er nur zusammenhangloses Blabla, aber das tun die handgeschriebenen Berichte unserer Partner auch, und ausserdem habe ich noch nie erlebt, dass so ein Bericht wirklich von jemandem gelesen wurde. Also, was solls?
Irgendwann muss ich das Programm mal patentieren lassen...
Ich bringe den Bericht gleich ins Sekretariat und gebe ihn der BSFH. Sie überfliegt die erste Seite und zieht die Mundwinkel anerkennend nach unten. Sie sagt nichts, aber Nero krächzt beifällig, als ich das Sekretariat verlasse. Naja, ich habe auch nicht behauptet, dass INTELLIGENTE Leute darauf hereinfallen.
Nach dieser morgendlichen Anstrengung fahre ich die Schutzschilde hoch und entspanne ich mich bei einer halben Stunde DooM, bis jemand es wagt, trotz des Schutzschilds an meine Tür zu klopfen. Ich wechsle in das 'Working Window', grabsche mir eine handvoll Messstrippen und rufe "Herein!".
Yogi Flop steht in der Tür. Ich lasse die Messstrippen wieder fallen.
Yogi Flop heisst eigentlich Gustav Vorderbauer und stammt aus dem tiefsten Chiemgau. Ursprünglich sollte er bei uns eine Arbeit über die Auswirkungen des Tunneleffekts bei sehr kurzen Adressleitungen in Speicherchips erstellen. Bei seiner intensiven Beschäftigung mit der Quantenmechanik muss er dann irgendwie in die Techno-Esoterik abgeglitten sein - vielleicht standen auch in der Bibliothek nur ein paar Bücher an der falschen Stelle.
Wie dem auch sei. Jedenfalls war er plötzlich überzeugt, das alte Problem des Dualismus von Welle und Teilchen gelöst zu haben. Dass ein Photon bei einem Doppelspaltversuch scheinbar zufallsverteilt mal durch den rechten, mal durch den linken Spalt wandere, sei nur eine Illusion, verkündete er. In Wirklichkeit würde das Photon von den geistigen Kräften des Beobachters beeinflusst. Weil das aber keiner wisse, unsere geistigen Kräfte also völlig ungesteuert und richtungslos seien, verhalte sich das Photon eben scheinbar zufallsverteilt.
Gustav verbrachte Wochen im Labor vor der Wilsonschen Nebelkammer und konzentrierte sich auf die einströmenden Elementarteilchen. Er wollte sie dazu bewegen, nur noch in einer Richtung zu fliegen. Natürlich lehnten es die ungebildeten Elementarteilchen ab, sich in irgendeiner Weise beeinflussen zu lassen - obwohl Gustav nebenher intensiv Yoga und autogenes Training studierte, um ihnen mit seinen geistigen Kräften auf die Sprünge zu helfen. Es war der reinste Megaflop, also gaben wir ihm schliesslich den Spitznamen Yogi Flop.
Der arme Kerl hatte eben keine Ahnung, dass die ganze Sch.... mit der Quantenmechanik nichts anderes ist als ein perfider übler Scherz aus der obersten Etage.
"Wissen Sie, was ich gestern entdeckt habe?" platzt Yogi Flop heraus und rückt mir dichter auf den Pelz, als meine kritische Distanz es erlaubt.
"Nein, aber ich bin sicher, dass ich es gleich wissen werde", sage ich überzeugt.
"Im fünften Geheimbuch der Kabbala steht, dass manche Meister es vermochten, mittels bestimmter Körperbewegungen die Materie selbst zu beeinflussen!"
Ich nicke beruhigend und weiche etwas weiter ins Zimmer zurück, um seiner feuchten Aussprache mehr Raum zu geben.
"Sicher", sage ich und gebe dem Drehstuhl einen Schubs, "so zum Beispiel."
Ohne meinen Einwurf zu beachten, fährt Yogi Flop begeistert fort:
"Stellen Sie sich das nur vor: Anstatt zu programmieren werden wir in Zukunft die Programme nur noch denken und sie materialisieren in Form von Bits und Bytes in den Speicherchips!"
Ich seufze.
"Vielleicht geben Sie mir mal eine kurze Demonstration, damit ich es besser verstehe...", sage ich.
Yogi Flop schaut mich unsicher an, dann blickt er sich suchend in meinem Büro um.
"Na, gut. Versuchen kann ich es ja mal. Ich versuche, den Briefbeschwerer zu bewegen, ok?"
Ich nicke zustimmend und weiche noch weiter zurück; diesmal damit er mir bei seinem wilden Schattenboxen nicht aus Versehen ins Gesicht langt.
Yogi Flop stellt sich in Positur und beginnt, konzentriert den Briefbeschwerer zu umtanzen. Der Briefbeschwerer bleibt davon völlig unbeeindruckt und rührt sich keinen Millimeter. Schweissperlen bilden sich auf Yogi Flops Stirne. Irgendwie kommt mir sein Gehampel aber bekannt vor. Woher kenne ich das bloss?
"Halt", sage ich, einer plötzlichen Eingebung folgend.
Yogi Flop verharrt unsicher wackelnd auf einem Bein und schaut mich über die Schulter fragend an.
"Die letzte Geste war falsch", sage ich. "Den linken Arm höher über den Kopf und das Bein noch nicht abstellen ... ja, genau. Jetzt weiter wie bisher. Machen Sie den letzten Zyklus nochmal."
Yogi Flop gehorcht anstandslos. Nach der letzten Figur gibt es plötzlich ein lautes saugendes Geräusch, wie wenn man eine Packung Vakuumkaffee öffnet, und Yogi Flop verschwindet in einem grellen Lichtblitz.
Nur ein kleines weisses Wölkchen verflüchtigt sich langsam in der ruhigen Luft meines Büros.
Ich lächele anerkennend. Der alte babylonische Zugangskode zum siebten H-Kreis.
'Gleichwie die Frösche, um zu quaken, kehren
Die Mäuler aus dem Wasser, was geschieht,
Wenn schon die Bäurin träumt von reifen Ähren,
So staken blau bis wo die Scham man sieht,
Die schmerzenreichen Schatten in dem Eise;
Die Zähne klapperten das Storchenlied.'
Vielleicht habe ich Yogi Flop doch unterschätzt. Ob es ihm da unten allerdings gefallen wird, ist eine ganz andere Frage.
Wir unterbrechen hier die aktuelle Berichterstattung wie jeden Mittwoch Nachmittag für unser allseits beliebtes B.A.f.H. RATESPIEL.
(Fanfare)
Wie Sie alle wissen, geht es darum, die Herkunft eines Zitats zu erraten. Jawohl, des Zitats dort oben, ganz genau! Unsere heutige Frage lautet also : Wer hat diesen Unsinn wo gesagt/geschrieben/in die Brandung gebrüllt/in Fels gehauen/auf Papyrus gepinselt/in Schnüre geknüpft/etc.?
WENN Sie die richtige Antwort zu wissen meinen, schreiben Sie unverzüglich eine email mit der richtigen Antwort an folgende Adresse:
Unter den ersten 10.000 richtigen Antworten (Eile ist also geboten!) werden 12 alte Ölkannen (gefüllt) verlost.
(Fanfare)
Ausserdem erhalten die ersten 200 Einsender die einmalige Chance, von einem unserer reizenden Telefoninquisitoren/innen mit neuen aktuellen Angeboten aus den Bereichen Versicherungswesen, Börsenspekulation, Immobilien, Anlageobjekte und Fusspflege belästigt zu werden. Vergessen Sie also keinesfalls, Ihre Telefonnummer anzugeben. Wir wünschen ihnen (ab hier im höllischen Chor) VIEL PECH!
© Copyright Florian Schiel 1996