Ausnahmsweise scheint heute mal die Sonne Ich nütze die seltene Gelegenheit meinen angeschlagenen kalifornischen Teint aufzufrischen und setze mich mit der neuesten Ausgabe von 'Hacker's Havoc' auf dem Dach ins Freie. Falls mich unten jemand vermissen sollte, steht er halt vor verschlossener Türe mit dem Schild:

'DO NOT DISTURB - MEN AT WORK!'

Für die ganz Misstrauischen (die versuchen durchs Schlüsselloch zu spitzen oder an der Türfüllung lauschen) produziert meine Workstation über Lautsprecher heftige Tastaturgeräusche, und auf dem Bildschirm erscheint mein Kopf als schwarze Silhouette vor der normalen Oberfläche (neuer Bildschirmschoner für stressgeplagte Systemadministratoren; Patent bereits angemeldet).
Ich blättere also im neuesten HH und blinzele in die schwache Wintersonne. CA ist im Winter auch nicht gerade das, was die Reisekataloge so versprechen: kühl, neblig und regnerisch. Natürlich von Schnee keine Spur, so dass die armen, ganz in CocaCola-Rot gewandeten Weihnachtsmänner traurig in den Pfützen vor den Department Stores herumtapsen müssen.

Ich blättere um: den Preis für die dümmste und kostspieligste Aktion des Monats haben schon wieder die Deutschen gewonnen. Diesmal ist es die 'Krankenhaus-Notopfer-Eintreibung'. Der Journalist zählt genüsslich auf, was die Eintreibung von 20 Mark per Post und Banküberweisung von jedem Versicherten kosten wird; nach seiner Rechnung müssen die Krankenkassen sogar noch draufzahlen. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Leute sowieso nicht zahlen werden, seitdem irgendein Superhirn öffentlich im TV gesagt hat, dass säumige Zahler "aus Kostengründen" nicht belangt werden können. Da hat die Welt mal wieder was zu lachen! In der letzten Ausgabe war es der Elch-Mercedes, und davor... weiss ich nicht mehr; aber auf jeden Fall auch etwas Deutsches. Achso, doch! Jetzt fällt's mir wieder ein: vor zwei Monaten war es der CSU-Abgeordnete Wallner aus Niederbayern, der von seinem Landtagstelefon aus für 25.000 Mark Sex-Telefongespräche geführt hat.
Was für ein irres Land! Und ich sitze hier in San Francisco, wo es eine Schlagzeile auf der ersten Seite gibt, wenn neun (9!) Fahrrad-Demonstranten verbotenerweise über die Baybridge radeln!
Und da heisst es immer, im alten Europa sei nichts los, und nur hier in den Staaten spiele die Musik! Von wegen!

Ich seufze so laut, dass die Möwen auf der Mauerbrüstung erschreckt auffliegen. In diesem Moment düdelt mein hausinternes Handy. Da ich sowieso mit HH fertig bin, schalte ich den automatischen Beantworter ab, der normalerweise dem Anrufer mit freundlicher Stimme erklärt, dass der Teilnehmer Leisch momentan nicht erreichbar sei, und sage:
"Hello."
"Äh... ah... hello, yes... äh... please can I... hrrmm... may I speak with Mister... äh... Leisch... sind Sie das...?"

Der Chef!!! Ich werfe einen raschen Blick auf die Uhr. In Deutschland ist es bereits halb zwölf in der Nacht! Der Chef ruft mich normalerweise nie selber an, und jetzt sogar mitten in der Nacht! Es muss sich also um was ganz Ernstes handeln. Mehrere Szenarien erscheinen vor meinem inneren Auge:
Der bayerische Rechnungshof konfisziert meine Videosammlung, Frau Bezelmann wegen Unterschlagung von roten Kugelschreibern verhaftet, der Rabe Nero hat die Dogge des Hausmeisters getötet, Marianne bekommt ein Baby, und niemand weiss, wer der Vater ist, Invasion der 'Reisekostenstelle from Heaven', oder haben die Mitarbeiter irgendwie 'rausbekommen, dass ihre Mailboxen jede Nacht nach USA auf meinen Rechner kopiert werden?

Ich gebe mich vorsichtig zu erkennen, und der Chef... ja, er klingt fast irgendwie erleichtert?!
"Oh... ah... Leisch! Wie gut, dass ich Sie gleich... hrrmm... haben Sie schon äh... geschlafen? Oder... hm... wie war das noch mit der... äh... Zeitverschiebung...?"
Ich sage dem Chef, dass es zwar mitten in der Nacht, ich aber natürlich noch im Büro und bei der Arbeit sei.
Regel Nummer 342 für den erfolgreichen Bastard: 'Unerwartete Wissensdefizite bei Mitmenschen auf keinen Fall aufklären, sondern sofort für die eigenen Imagepflege ausnutzen!'
"Ah... na, aber! Sie sollten äh... sollten doch... hm... Sie arbeiten doch zuviel... hm, ja. Ich rufe Sie an...hm, weil... äh... weil wir... das heisst das Institut, ja... weil wir uns... hrrrm... gewissermassen in einer... äh... unangenehmen Lage... sehr unangenehmen Lage... äh... befinden, ja..."

Also doch! Ich hatte es ja vermutet! Wahrscheinlich sagt er mir jetzt, dass sie die ganzen gefälschten Reisekostenabrechnungen der letzten 8 Jahre gefunden haben, und ich mich besser schon mal um eine Greencard bemühen solle, weil ich in München sowieso keinen Fuss mehr in die Türe bekomme.

"Äh... ja, haben Sie schon... haben Sie über den... hmm... Studenten-Streik hier gelesen? Sehr unangenehm... wirklich..."

Und dabei hatte ich die Kollegen da drüben schon beneidet, dass sie schon seit zwei Wochen keine Vorlesungen mehr halten müssen!
Ich gebe einen unverbindlichen, jedoch mitfühlenden Laut von mir.

"Ja... ähm... sehr... sehr... äh... unangenehm. Die Sache ist nämlich... hm... leider die: äh... das Kultusministerium hat uns... ähm angedroht, dass... hm... die... äh... Haushaltsmittel sofort... ja, gesperrt werden... äh... wenn die Studenten nicht... hm... sofort wieder in die... äh... Vorlesungen zurückkehren, verstehen Sie? Das... ähm... wäre eine... eine Katastrophe.. wäre das... hrrrm... ja."
"Wenn die Studenten in die Vorlesungen zurückkehren?" frage ich höflich.
"Wie... äh... neinnein... hrrrm... wenn uns die Gelder gesperrt werden... ähm... DAS wäre eine... hm... Katastrophe..."

Aha! Da weht der Wind her! Ich lasse unauffällig die angehaltene Luft ab. Dann frage ich höflich, was die ganze Angelegenheit mit mir zu tun hat. Schliesslich sei ich in CA und könne von hier aus bestimmt keine Studentenrevolten anzetteln (wenn auch Berkeley dazu den stilgerechten Rahmen abgegeben würde!).

"Nein... ja... äh... nun. Wir haben uns...äh... gedacht, dass... wo Sie doch immer... äh... also, wir waren der Meinung... hm... dass Sie vielleicht mit... hrrm... Sie vielleicht die... äh... Studenten wieder zurück... äh... zurück in die Veranstaltungen bringen... hm... bringen könnten. Weil... soweit ich mich... äh... erinnern kann, äh... haben bei Ihnen doch die... hm.. Studenten nie gefehlt... verstehen Sie?"

Kein Wunder! Jeder, der in meiner Übung fehlt, verscherzt damit automatisch alle Chancen, jemals einen Schein bei mir zu machen.
Ausserdem geht immer zufällig am gleichen Tag die Platte kaputt, auf dem der betreffende Student sein Homeverzeichnis hat. Das hat sich inzwischen 'rumgesprochen!

"Ich soll nach München kommen, nur damit die Studenten wieder in die Vorlesung kommen?" vergewissere ich mich.
"Nun ja... äh...ja, das wäre... äh... schön..."
"Linienflug in Businessklasse?" frage ich.
"Äh... kein Problem..."
"Ich komme!" sage ich, kehre der blassen Wintersonne und den Möwen ostentativ den Rücken zu und gehe hinunter, meinen Laptop einzupacken.

Und so endet diese kalifornische Episode ebenso unerwartet, wie sie begonnen hatte.
Und wenn Prof. Icewater nicht zu einem grünblauen Eisblock mit Schokoladeneis-Augen erstarrt ist, und Ginger nicht doch noch endlich ihren Motorradprinzen gefunden und geheiratet hat, und Ron sich nicht beim Anstieg auf Mount Whitney endgültig das Genick gebrochen hat, und der financial director an seiner Katzenhaar-Allergie nicht eingegangen ist, und Jerry nicht vor lauter Coolsein das Einatmen vergessen hat, dann leben sie wieder glücklich und zufrieden - seitdem sie den B.A.f.H. endlich losgeworden sind...

© Copyright Florian Schiel 1997