Es regnet.

Nein, ernsthaft! Es regnet. So was kommt vor. Sogar hier in Kalifornien. Zwar seltener, aber deshalb nicht weniger schlimm. Eher noch schlimmer. Weil niemand damit rechnet - und Regenschirme praktisch unbekannt sind.

Um den damit verbundenen Frust abzubauen, hänge ich ein Schild an meine Türe und haue ab in die Uni-Bibliothek. Auf dem Schild steht:

"NOTFALL BEIM S.O.P.L."

Natürlich weiss niemand, was S.O.P.L. heisst. Ich auch nicht. Aber es klingt arbeitsintensiv, so dass sich niemand wundert, wenn ich den ganzen Vormittag wegbleibe.

In der Uni-Bibliothek gehe ich schnurstracks in die Aerobics-Abteilung und übermale mit einem schwarzen Folienstift systematisch die Lücken in den Bar-Codes der Bücher. Ab und zu habe ich das Glück, dass eine heisse Studentin mit einem solchen Buch zur Ausleihe marschiert und Alarm im automatischen Scanner auslöst. Dann springe ich als Retter in der Not ein, wische unauffällig den schwarzen Strich weg, und siehe da: es funktioniert alles wieder. Meistens werde ich von der dankbaren Studentin auf einen Cafe eingeladen, etc. etc.

Nach dem zehnten Buch sehe ich plötzlich Ginger im schwarzen Lederdress um die Ecke kommen und bei meinem Anblick erstaunt stehenbleiben. Ich frage sie, was sie hier macht. Ginger klappt ihre berühmten Augendeckel auf und zu und sagt:
"Och, äh... ich suche eigentlich nur ein gutes Handbuch für das neue Office Suite Programm..."
Dabei kaut sie gedankenverloren an der Kappe ihres schwarzen Folienstifts. "In der Motorsport-Abteilung?" frage ich erstaunt. In diesem Moment heult vorne bei der Ausleihe der Scanner los. Ginger und ich, wir zucken beide synchron zusammen und gucken rasch um die Ecke. Aber es ist nur ein altes Mütterchen im grellrosanen Trainingsanzug und weissen Tennisschuhen.
"Mist!" murmelt Ginger.
"Wie bitte?" frage ich.
"Äh... nichts. Wo waren wir gerade?"
"Office Suite", helfe ich nach.
Ich besorge ihr das Buch, und Ginger lässt sich widerstrebend zu einem Kaffee in der Student Union einladen. Als wir schon am Ausgang des Lesesaals sind, heult der Scanner wieder los. Ein knackiger junger Student in hautengen Lederhosen, eine Mischung aus Mann-ihrer-Träume und ungezähmter Junghengst, steht verdattert vor dem Scanner, einen dicken Bildband mit Harley Davidsons unter dem Arm. Ginger seufzt tief, und folgt mir missmutig hinunter in die Cafeteria.

Als wir nach einen kurzen Plausch von zwei bis drei Stunden zurück ins Institut kommen, finde ich einen Studenten mit langen fettigen Haaren vor meiner Türe lehnen, der im Stehen eingeschlafen ist. Rücksichtsvoll wie ich bin, versuche ich meine Türe aufzusperren, ohne den armen Jungen zu wecken, aber leider hat er einen leichten Schlaf.
"Oh... äh... Herr Leisch?"
Ich kann es schlecht leugnen, weil es nun mal dummerweise dick und breit an meiner Türe steht. Er folgt mir eifrig in mein Büro und sagt:
"Ich habe heute hier im Institut als graduate angefangen. Und Prof. Icewater hat gesagt, ich solle mir von Ihnen einen Rechnerplatz zuweisen lassen..."
Trotzdem er stundenlang gewartet hat, ist sein feuriger Enthusiasmus noch ungebrochen. Noch!
"So, hmm", sage ich. "Einen Rechnerplatz also. Mal sehen..."
Ich raschele mit ein paar alten HP Prospekten. Eigentlich habe ich keine besondere Lust, einen neuen User einzuführen. Wir haben doch wirklich schon genug davon!
"...ja, äh...", sage ich, "wie wäre es mit Wesleys Platz. Der ist letzte Woche tragischerweise frei geworden."
"Hervorragend", freut sich der Neue. Dann fällt ihm auf, was ich gesagt habe, und er fügt vorsichtig hinzu:
"Äh... wieso tragischerweise?"
"Tja, der gute Wes hatte einen kleinen Unfall mit dem Backup-Tape."
"Unfall?"
"Er ist irgendwie mit dem Schlips in den Bandführungsschlitz geraten, der Schlips hat sich in der Auffangspindel gefangen und... nun, ja... Sie wissen ja wahrscheinlich wie kräftig diese schnellen Bandmaschinen sind. Tragisch, wirklich tragisch. Ein so intelligenter Junge, mit so guten Anlagen. Hätte es hier noch weit bringen können... Seitdem trägt hier keiner mehr einen Schlips, und alle waren danach sofort beim Friseur."
Der Neue schielt nervös auf seine schulterlangen Fransen und schluckt.
"Aber... aber das ist ja furchtbar!"
Ich nicke düster.
"Ja, das Bandgerät war auch im Arsch... Andererseits", fahre ich munter fort, "hat es ja auch eine gute Seite. Dadurch haben wir tatsächlich einen freien Rechnerplatz für Sie."
"Äh... ja... sicher..."
"Besser als Thompsons Büro ist es jedenfalls..."
"Wieso? Was ist mit Thompson passiert?"
"Mit Thompson? Hmm, interessante Frage... Ich glaube, sie haben ihn eingeäschert - oder was von ihm übrig war."
"... (schwitz)..."
"Tja, Thompson hatte vergessen, dass unsere Wände seit dem letzten Erdbeben nicht mehr so ganz das sind, was sie mal waren. Er hat sich unbedachterweise gegen seine Bürowand gelehnt und ist glatt durch den Gips gebrochen..."
Zum Beweis schlage ich mit der Faust gegen die Wand hinter meinem Kopf.
Gipsteilchen regnen auf uns herunter und die Wand gibt ächzend ein wenig nach.
Der Neue macht den Mund auf - und wieder zu. Auf seiner Oberlippe sehe ich Schweissperlen.
"Da fällt mir noch ein", füge ich noch hinzu, "öffnen Sie hier im Institut bitte nie ein Fenster."
"Ah, ich weiss ... wegen der Klimaanlage."
Ich schüttele langsam den Kopf.
"Wegen Ginger."
"Ginger?"
"Unsere Hilfssekretärin. Sie leidet an einem reflexartigen Fluchtsyndrom, seitdem sie mal ein verlängertes Wochenende lang in unserem Aufzug gefangen war und beinahe vom Kollegen Brian aufgefressen wurde. Er hatte so einen Durst, dass er ihr Blut trinken wollte. Sie konnte sich nur retten, weil sie durch die Wartungsklappe nach oben geklettert ist und dann noch drei Meter am Seil hoch. Seit diesem kleinen Zwischenfall kann sie Öffnungen, die ins Freie führen, nicht mehr widerstehen. Einmal ist sie uns schon aus dem Fenster gesprungen - glücklicherweise fuhr unten gerade ein Altpapier-Laster vorbei..."
"...(schluck)..."
"... und böse Zungen behaupten noch heute, dass irgendjemand das Fenster mit Absicht aufgemacht habe... Aber solchen üblen Reden sollten Sie lieber kein Gehör schenken. Das sind alles ganz reizende Leute hier im Institut - so lange sie noch am Leben sind."
"Am Leben sind?" echot der Neue mit Schweissperlen auf der Stirne. Ich winke ihn näher heran und fahre im Flüsterton fort:
"Ist Ihnen beim Interview mit Prof. Icewater nicht aufgefallen, wie eiskalt ihre Hände sind? Nein? Naja, sie vermeidet in letzter Zeit auch tunlichst, jemandem die Hand zu geben... Gehen Sie nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht mehr in ihr Büro, das jedenfalls rate ICH Ihnen! Schauen Sie sich das mal an!"
Ich deute auf ein paar Bohrlöcher hinter meinem Kopf an der Wand, wo mein Vorgänger, der frühere financial director, einen geschmacklosen Elchkopf befestigt hatte.
"Eindeutig 45-iger Einschüsse", flüstere ich, "wissen Sie, ich habe nie herausgefunden, was mit meinem Vorgänger eigentlich passiert ist.
Komischerweise gab es keine Blutflecken, oder sie wurden sorgfältig entfernt - vielleicht wurde das Blut auch anderweitig verwendet. Und manchmal habe ich deutlich das Gefühl, dass jemand auf den Konsolen im Rechnerraum herumtippt, und ich bin ganz sicher, dass vorher niemand im Raum war! - Was ist eigentlich mit Ihnen los? Sie sind ja ganz käsig im Gesicht. Soll ich ein das Fenster öffnen, dass Sie ein wenig Luft bekommen? Nein? Auch gut. Also dann gehen Sie mal an Wesleys Arbeitsplatz. Dort werden Sie sich wohlfühlen; das Büro hat sogar ein Fenster. Den Account richten wir dann morgen ein. Viel Spass auch..."

Inzwischen ist es schon fast dunkel im Büro; der November hat eben auch in Kalifornien seine Auswirkungen. Nicht umsonst ist Halloween gerade erst vorüber!
Ich schleiche auf leisen Gummisohlen zum Sicherungskasten und schalte den Strom im Wesleys Büro aus.
Mit rekordverdächtiger Promptheit ertönt ein markerschütternder Schrei durch den Flur. Dann sehe ich den Neuen wie von Furien gehetzt durch den Flur auf mich zu rasen. Plötzlich erstarrt er für einen Moment, glotzt mich mit weit aufgerissenen Augen an, macht kehrt und rennt zum Aufzug, vor dem er zurückscheut wie ein Pferd, um schliesslich auf der Feuertreppe zu verschwinden.

Als ich mich umdrehe, steht die Chefin hinter mir im Halbdunkel und fixiert mich mit frostglitzernden blassblauen Augen. Dann seufzt sie und sagt: "Ich möchte gar nicht WISSEN, was das wieder werden soll."


© Copyright Florian Schiel 1997